Predigt ohne Worte
Jazzimprovisationen und Choralmelodien
Mein aktuelles Soloalbum ist ab 30. September 2007 im Handel. Nach Jazzmusiker-Manier hab ich mich hingesetzt und über ausgewählte Choralmelodien improvisiert, bei einigen mit einer zuvor gefassten Arrangementidee. Herausgekommen ist etwas, dass sicher Einflüsse von Michel Petrucciani und Oscar Peterson verrät. So sei diese Platte ein weiterer Beweis dafür, das die alten Melodien nichts an Kraft und Optimismus verloren haben und sich immer wieder neu darstellen.reinhören
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Als ich am Morgen des ersten Aufnahmetages aus der S-Bahn stieg, saß ein Mann am Straßenrand der Schönhauserallee und spielte Akkordeon. Ich legte etwas Geld in seine Mütze und hörte eine Weile zu. Plötzlich sprach er mich an: „Heh, spiel Du mal – ick will ma' hörn wie det klingt!“ Ich war völlig perplex, nahm aber doch das Akkordeon. Ich war ja nun nicht gerade darauf vorbereitet, aber eine Seemannsmelodie brachte ich wohl zustande. „Klingt aber ziemlich leise, der Kasten“, schnautzte er mich mit seiner Berliner Freundlichkeit an und erklärte mir, dass er das Ding nur ausgeliehen habe. Ohnehin sitze er nur hier, um für seine Enkel ein bißchen Geld zu verdienen, damit sie auch mal ins Schwimmbad gehen könnten. Und er bedankte sich, dass ich ihm dabei eine Hilfe war. Wie unverhofft man doch manchmal zu mehr Sinn im Leben kommt! Das Leben ist keine perfekte Komposition, aber Sinn ergibt’s hinterher doch.
Beschwingt von diesem bizarren Erlebnis ging ich also ins Studio. Darauf war ich dann wiederum vorbereitet. Insoweit, als dass ich geplant hatte, welche Choräle ich spielen wollte. Ich kannte die meisten Liedtexte auswendig. Für einige Titel hatte ich eine Arrangement-Idee oder sogar Tempo und Tonart der Melodie festgelegt. Ansonsten wollte ich mich beim Improvisieren auf gute Einfälle verlassen. Am zweiten Aufnahmetag kam mir in den Sinn, auch „Vertraut den neuen Wegen“ aufzunehmen. Obwohl eigentlich für einen anderen Zusammenhang im Leben gedacht, beschreibt es doch genau das Motto der Jazzimprovisation. Man spielt ein Motiv und variiert es bald so und bald so. Auch wenn die Melodie nach Moll wechselt, auch wenn unterwegs Fehler passieren, es gibt einen Weg, weiter zu spielen und weiter zu gehen. Wie im richtigen Leben auch – bloß da kann man sich nicht hinterher die gelungenste Aufnahme aussuchen oder, wie auf der vorliegenden CD, einfach zwei Versionen stehenlassen.
Predigt ohne Worte
Die beste Predigt ist manchmal einfach ein gutes Gespräch. Immer wieder dreht und wendet man einen Gedanken, um zu finden, was wirklich in ihm steckt.
Seit einiger Zeit hüte ich auf dem Notenpult meines Klavieres ein altes Gesangbuch, eines , das ich von meiner Mutter geerbt habe und das sie schon viele Jahre begleitet hatte. Immer wieder dreh und wende ich beim Improvisieren die sakralen Melodien und finde, was tatsächlich in ihnen steckt: ungebrochene Hoffnung, Trost und Kraft. „In dir ist Freude“ ist ein Beispiel dafür. „Befiehl du deine Wege“ ist ebenfalls eines der besonders tröstenden Lieder. Man könnte es erwartungsgemäß auch weich und beruhigend spielen. „...Und was dein Herze kränkt“ hat mich aber hier mehr beschäftigt. Der Text steht nicht da, wo Hilfe schon eingetreten ist, sondern noch dort, wo sich das Leid so stark macht, als „ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehen“.
„Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land“ Wohl dem, der am Wachstum Freude haben darf, das der Himmel schenkt. Aber längst nicht alle Samen gehen auf – manchmal ist das Leben eine wahre Sisyphos-Arbeit und scheint „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ zu vergehen. „Ach Gott vom Himmel sieh darein, und lass dich des erbarmen“ Die Bibel erzählt von Jesus. Der Retter der Welt vertraut seinem Weg bis in einen grausamen Tod: „Das Kreuz ist aufgerichtet“ . Doch das „Haupt voll Blut und Wunden“ bleibt nicht das tragische Ende. Denn „Erschienen ist der herrliche Tag“, an dem alle Welt singt: „Er ist erstanden – Halleluja“. Dann ist ja alles gut? Na ja, die ersten Christen haben ihr Leben auf´s Spiel gesetzt, wenn sie ihren Glauben auslebten. Wie groß muss die Kraft gewesen sein, die sie dennoch weiterhin „den neuen Wegen“ vertrauen ließ.
Nicht jeder kann den Zusagen der Bibel trauen. Aber Menschen, die es konnten, haben ihre Hoffnungen in Lieder gelegt, wie sie auch im ev. Kirchengesangbuch zu finden sind. Und ich staune immer wieder, wieviel Trost aus jenen Texten spricht. Einige empfehlen einfach mal einen Spaziergang: „Geh aus mein Herz und suche Freud“ Andere schenken sogar Gelassenheit bis in den Tod. „Warum sollt ich mich denn grämen“ Ich möchte jeden einladen, einmal nach den Liedtexten zu blättern und Kraft zu schöpfen, vielleicht sogar die Herausforderung anzunehmen: „Brich mit den Hungrigen dein Brot“.
Oh nein – jetzt hab ich doch mit Worten gepredigt.